Vergangene Woche war ich Teil einer Facebook-Diskussion zum Thema Fleischkonsum. Hier einige Auszüge:

„Nicht jeder kann sich frisches Fleisch vom Bauern, Fleischer oder Markt leisten … bei vielen lässt die Geldbörse nur Abgepacktes zu“

„In … gibt’s vielleicht noch 3 Metzger … Alles andere ist beim Merkur, Billa, Lidl, Hofer zu kaufen … Lidl finde ich sehr gut“

„Die Ketten schauen, wo sie das beste Preis-Leistungsverhältnis bekommen für ihre Kunden“

„Manche können nicht mehr ausgeben wie sie haben … Freundin und ihr Mann, der vor einem Jahr gekündigt worden ist, … 2 Kinder haben, derzeit ALG2 beziehen, …ca 1400 € + 386€ Kindergeld …, da kann man nicht vom Fleischer etc Fleisch holen …“

„Menschen, die sich nur Discounter leisten können … sind das Unmenschen?“

„Bei Lidl und Hofer (Anm.: das ist Aldi in Österreich) wird so viel Fleisch gekauft, da kann gar nichts schlecht werden, außer man vergisst es im Kühlschrank.“

Inzwischen hat Öko-Test fein auf dem Höhepunkt der Grillsaison den nächsten Gammelfleisch-Fall aufgedeckt, wobei sowohl die Discounter-Marke von REWE, ja!, betroffen war als auch Aldi. Es geht um bereits verdorbenes Fleisch, das unter starken Gewürzdecken und Marinaden neu verpackt, als Grill-Steaks angeboten wurde, und um auffällig hohe Antibiotikabelastungen (link hier) Ich könnte mich nun entspannt zurücklehnen mit einem rechthaberischen „Hab ich’s doch gesagt“.

Will ich aber nicht, denn zum Thema Fleisch und seine Kosten ist noch viel mehr zu sagen.

Dass es eine Weile länger als die versprochene Woche gedauert hat mit Teil 3, liegt übrigens daran, dass meine Missus mir soufflieren wollte. Erzürnt über den obigen Skandal, aber umso mehr über einen, den eine Tierschutzorganisation in einem mittelständischen Schlachtbetrieb in Baden-Württemberg aufgedeckt hatte, ging ein Bombardement aus Links, Youtube-Videos und Wutgeschnaube am Abendbrottisch auf mich hernieder. „Das solltest du mal in deinem Blog bringen!“

Den vorläufigen Höhepunkt hatte dieses liebenswürdige Stahlgewitter gestern Abend, als wir im Spätprogramm auf eine Reportage über eine Fleischmafia-Connection in NRW stießen. Die Missus lief zu großer Form auf. Ich leide heute (und vermutlich noch einige Zeit) an „shell shock“.

In diesem maladen Zustand fällt mir zur Frage „Woran erkennt man gutes Fleisch?“ vor allem ein, was ich vor einiger Zeit in einem Edeka-Supermarkt in unserer Gegend erlebt habe. Und das ging so:

Der bewusste Supermarkt verfügt, besonders für seine eher kleine Größe, über eine überdurchschnittlich ansehnliche und gut sortierte Fleischtheke. Ein Mal die Woche gibt es dort auch Bio-Schweinefleisch eines ortsansässigen Bauern. Ein halbes Schwein jede Woche. An dem dafür bestimmten Wochentag stand ich also vor der Theke im Angesicht der beflissenen Fleischfachverkäuferin und wies mit dem Finger auf das begehrte Fleisch. Die Dame riss entsetzt die Augen auf. „Das ist aber bio!“ – „Ja, genau …“ entgegnete ich tapfer, aber offenbar etwas unsicher. Das nötigte ihr eine Erklärung ab: „Das ist teuer!“

Merke: Gutes Fleisch erkennt man daran, dass man davor gewarnt wird. Und das übrigens in Supermärkten, deren Slogan lautet „Wir lieben Lebensmittel“. Die Liebe scheint so groß, dass sie sie lieber für sich behalten, besonders die guten Lebensmittel.

Der Vollständigkeit und Fairness halber sei ergänzt: Die Dame hatte Recht. Das Bio-Schweinefleisch kostet circa. das Doppelte der abgepackten Ware. Ein absolut erschwinglicher Preis für ein so gutes Stück Fleisch, wenn man es eben beim gelegentlichen Konsum belässt und es als das behandelt, was es ist: etwas Besonderes. Der Sonntagsbraten, wie es früher hieß. An den anderen Tagen erfreut man sich an Kartoffelsuppe, Risotto, Spiegelei mit Spinat, Caesar Salad oder Heringsstipp und natürlich … Resteessen. Ist da was schlimm dran?!

Gut und günstig geht, aber eben im Handwerk! Günstiges und gutes Fleisch ist kein Hexenwerk, aber erhältlich ist es nicht aus Industrieproduktion und im Supermarkt, geschweige denn Discounter, sondern beim Metzger (oder eben vom Bio-Bauern).

Ungefähr das günstigste Stück Fleisch, das man landläufig bekommen kann, ist der beliebte Schweinenacken. Beim Metzger ist er zwar immer noch um gut 50 Prozent teurer als im Supermarkt oder fast 100 Prozent teurer als im Hartdiscount, aber dafür schnurrt das Fleisch in der Pfanne nicht auf die Hälfte zusammen, schmeckt fad und versorgt uns mit Antibiotika, für die wir keine Indikation aufweisen.

Hier noch ein paar O-Töne aus der oben genannten Diskussion auf Facebook:

„Ich bin alleinerziehende Mama von 4 Kindern und wir kaufen „fast“ alles nur in Bio. Es stimmt, dass es teurer ist, und gerade deshalb wird einem wieder bewusst, wie man damit umgehen sollte. Seit ich das so mache, schmeiße ich so gut wie nichts mehr weg!!“

„Es gibt regionale Bio-Produkte zu kaufen. Dafür habe ich jetzt umso mehr Freude mit meinen Einkäufen und ich könnte nicht sagen, dass ich jetzt weniger Geld habe als vorher.“

„So viel teurer ist es beim Fleischhauer auch nicht. Bei uns gibt es 1-2x Fleisch in der Woche. Das ist doch wohl leistbar, oder?“

Gut und günstig geht, wenn man beherzigt, dass der Mensch nicht, wie oft behauptet, ein Fleischfresser ist, sondern ein Allesfresser. Manche Naturwissenschaftler sind sogar der Meinung, dass uns unsere Fähigkeit zur flexiblen Substitution der Nahrungsquellen erst befähigt habe zu dem, was der alte Darwin „survival of the fittest“ hieß. Ob wir nun wirklich buchstäblich fitter sind als der Gepard oder die Gazelle, sei mal dahingestellt, aber es ist sicher ein Vorteil, dass wir auch von anderem leben können als nur Fleisch oder nur Grünzeugs, oder?

Wie bei allem, stimmt auch beim Fleischkonsum: weniger ist mehr. Dazu eine Zahl, aus der im letzten Blogpost erwähnten Sendung „Lebensmittelcheck“: 1950 wurden in Deutschland 9 Mio. Schweine geschlachtet, heute sind wir bei fast 60 Mio. Deutschland ist übrigens das Land, dessen Bevölkerung die am stärksten schrumpfende der Welt ist.

Die Moral von der Geschicht’: Gut und günstig geht, wenn man nicht jeden Tag Fleisch zu sich nimmt.

Apropos Moral: Man vergesse bei der Debatte um den Preis des Fleisches wie jedes tierischen Produktes nie – den höchsten Preis zahlt das Tier! Wer da um Cents streiten will … (das als Tribut an meine Misses)

Nächste Woche (oder so) geht es um Luxusfleisch und dann war’s das auch.

8 thoughts on “Woran erkennt man gutes Fleisch? – Teil 3

  1. Danke Tommy!
    Aber ich muss ja nicht erwähnen, dass wir dieselbe Meinung haben, nur du kannst das so schön formulieren!
    Gruß an die Missus, sie soll ja nicht aufhören, dich aufmerksam zu machen 😉
    lg. S.

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      1. Was heißt denn auskotzen, ich hab den betreffenden Post gelesen, aber keinen Ton dazu gesagt, sonst hätten die mich gesperrt, geteert und gefedert,,…weißt du ich denke mir, manche haben keine Ahnung was sie für einen SChmarrn schreiben und vor allem was sie ihrem Körper, ihrer Gesundheit und ihren unschuldigen Kindern antun.

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  2. Ich kann es schon nicht mehr hören: Ich kann es mir nicht leisten. Alles eine Frage der Prioritäten und des Wollens, wie du sagst. Wenn man bedenkt, wie mit billigen Lebensmitteln umgegangen wird, wundern einen die Berge an weggeworfenen Lebensmitteln nicht. Wo bleibt der Respekt gegenüber der Nahrung, insbesondere gegenüber dem Tier? Den vergessen die Leute immer. Weniger ist manchmal mehr und das Loch im Geldbeutel bleibt immer gleich groß 😉

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