Rückblick 2018 | Goodbye Tony


Anthony Bourdain 1956 – 2018. Ein Nachruf.

Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Für mich nicht, wie man erwartet hätte in der Küche – für mich endet es in Zimmer 2.38 der Orthopädischen Uniklinik in Rostock. Blick durch die laubleeren Bäume vor meinem Fenster über die Stadt Richtung Ostsee. Kliniken. Meine zweite Heimat in den vergangenen zwei Jahren, bin ich fast geneigt zu sagen. Zeit, auf das vergangene Jahr zurück zu schauen, nachzudenken und zu heilen.

 

Rostock

 

Es war ein Jahr der Veränderungen in meinem kulinarischen Leben. Ich habe mich vermehrt der traditionellen Küche zugewandt, Klassikern aus den unterschiedlichsten Ländern, echtem ‘Heart & Soul Food’. Und ich habe viel weniger mit Fleisch gekocht. Vollkommen fleischlos will und werde ich nicht kochen und essen, aber ich kaufe immer bewusster ein. Lachs habe ich zum Jahresausklang komplett aus meiner Küche verbannt, denn selbst der von mir so oft empfohlene Clare Island Lachs von der irischen Organic Salmon Company wird mittlerweile in solchen Mengen produziert, dass die dort einst so hohen Standards nun auch nicht zu gelten scheinen. Fisch und Fleisch ist zu etwas Besonderem in meiner Küche geworden. So wie früher, als man es sich einfach nicht leisten konnte, täglich Fleisch oder Fisch zu essen. Und mir fehlt … nichts!

 

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Es war auch ein Jahr, in welchem mir ein Vorbild genommen wurde. Ein Mann, den ich verehrte.

Es mag pathetisch sein, um jemanden zu trauern, den man gar nicht persönlich kannte. Und doch kann man sich in unserer informationsüberfluteten Welt der Social Media und hunderten von TV-Kanälen, unterlegt vom einen oder anderen gedruckten Buch, jemandem nahe fühlen, so als wäre dieser Mensch jemand, der dich auf einem Stück deines Weges begleitet hat.

Die Nachricht von Anthony Bourdains Tod erreichte mich „on the go“, ich war beim Einkaufen und das allgegenwärtige Smartphone warf mir die Nachricht auf einem Social Media Kanal, ich denke, es war Instagram, ins Gesicht. Der kurze Weg nach Hause, ist mir nicht mehr in Erinnerung. Ich lud die Einkäufe aus dem Auto, verstaute sie in Kühlschrank und Speisekammer und meine Ohren waren irgendwie taub und ich war aufgewühlt … wie nach einem sehr lauten und sehr guten Rockkonzert. Ich trat auf die Terrasse zu meiner Frau, aber ich brachte kein Wort heraus. Ich rief die Nachricht auf dem Smartphone auf, reichte es ihr und dann konnte ich die Tränen nicht mehr aufhalten. Es war ein Schluchzen, es lief mir einfach aus den Augen und mein Körper fühlte sich an, wie die soeben angeschlagene Saite eines durch Tausende Watt verstärkten Basses.

 

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Ja, er stand mir nahe. Er hat meine Art zu kochen und Rezepte mit kleinen Geschichten aufzuschreiben beeinflusst, wie kein anderer. Als ich vor knapp 4 Jahren begann, als TheMaskedChef einen Foodblog zu schreiben, habe ich ein Foto aus seinem Les Halles Kochbuch (s.o.) mit mir nachstellen lassen (s.u.). Unerfahren, etwas Anderes zu Papier zu bringen als Geschäftsbriefe, habe ich ihn als Berater konsultiert, in meinen Texten zitiert, versucht so zu kochen, wie er es gemacht hätte. Während ich koche dröhnt Iggy Pop aus den Lautsprechern – Rock ’n‘ Roll in the kitchen, wie bei Anthony!

 

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Vor 18 Jahren, ich lebte damals in London, erschien dort sein Buch ‚Kitchen Confidential: Adventures in the Culinary Underbelly‘ – seine persönlichen Memoiren als Koch und ein Blick hinter die Kulissen des US-amerikanischen Restaurantbusiness. Mit beißendem Sarkasmus und Ironie erzählt er darin von seinem Werdegang als Koch und gibt Einblicke in die Abgründe der Restaurant-Gastronomie, die normalerweise dem Restaurantbesucher verborgen bleiben. Ich habe das Buch in einem Rutsch gelesen und ab da, alles was er vorher geschrieben hatte und was danach kam.

Was viele nicht wissen: Anthony Bourdain hatte schon 1995 und 1997 zwei kurzweilig geschriebene Kriminalromane veröffentlicht – ‚Bone in the Throat‘ und ‚Gone Bamboo‘, aber es war ‚Kitchen Confidential’, was seinen Aufstieg in der Food-Szene begründete. Als 2004 ‚Anthony Bourdain’s Les Halles Cookbook‘ erschien, war ich einer der ersten, die es in den Händen hielten. Für viele Bistro-Klassiker ist es heute noch ein unentbehrliches Nachschlagewerk für mich und der aufmerksame Leser hat sicherlich schon das eine oder andere Rezept aus diesem Kochbuch auf meinem Blog entdeckt.

 

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Anthony Bourdains (ich nenne ihn ab hier „Tony“, wie es seine Freunde taten) Aufstieg als Celebrity in der Kochwelt begann mit seinen Büchern, aber es war das TV, was ihn international bekannt und beliebt machte. Die Serie ‚A Cook’s Tour’ auf Food Network begründete seine Karriere als TV-Koch-Celebrity. ‚No Reservations’ (2005–2012), die im deutschen Fernsehen unter dem Titel ‚Anthony Bourdain – eine Frage des Geschmacks’ ausgestrahlt wurde, machten ihn unter Foodies auch in Deutschland bekannt, gefolgt von ‚Anthony Bourdain: Parts Unknown’, was soviel wie „unbekannte Teile“ (in der Küche, vom Tier) bedeutet.

 

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Es war Tonys Liebe zur klassischen französischen Küche und besonders seine gegen den Mainstream gehende Schwäche für Innereien, die mich nachhaltig beeindruckt hat. Er war, so wie ich auch, ein großer Fan von Fergus Henderson und seinem St. John Restaurant in London. Für die zweite Ausgabe (die erste wurde bereits 1999 veröffentlicht) von Fergus Hendersons legendärem Kult-Kochbuch ‚Nose to Tail Eating – A Kind of British Cooking’ (erschienen 2004) schrieb er das Vorwort. Bei mir hinterließen seine geschriebenen Texte immer einen erheblich bleibenderen Eindruck als seine TV-Episoden. Ich fand, man merkte sehr deutlich, dass Tonys TV-Karriere ihn förmlich überrollt hatte – sein Narrativ wirkte hölzern und wie „ich will das eigentlich gar nicht“ auf mich. Ich spreche hier nicht von der deutschen Synchronfassung, sondern von seiner Originalstimme. Zu dieser Zeit war er bereits gefangen, vereinnahmt von seinem eigenen Erfolg. Er versuchte wohl immer Einfluss zu nehmen und den TV-Episoden seinen persönlichen Anstrich zu verleihen, aber nur in seinen Büchern sagte er, was er wirklich sagen wollte. Das Buch zur TV-Serie ‚A Cook’s Tour’ macht dies deutlich. Die Episoden sind so geschrieben wie er sie erlebt hat (er beleuchtet dabei auch die Hintergründe der TV-Produktionen) – es war ihm offensichtlich ein Anliegen, die Dinge ins rechte Licht zu rücken.

Ich habe all seine Publikationen mit viel Freude gelesen, seine Rezepte nachgekocht und ihn gerne zitiert („Wer Knoblauch durch die Presse jagt, soll in der Hölle schmoren“). Er war ein Koch und ein Mensch nach meinem Geschmack. Ich bedauere es unendlich, dass ich ihn nie persönlich kennenlernen durfte.

 

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Das ‚Les Halles’ in New York ist ein französisches Bistro. Tony war dort Küchenchef bis seine Karriere eine andere Richtung einschlug. Als ich kurz nach seinem Tod während eines Reha-Klinikaufenthalts in der Nähe von Regensburg war, entdeckte ich das wohl französischste Bistro außerhalb Frankreichs. Ich war sofort von der typischen und einfachen französischen Bistroküche begeistert … und Tony war jeden Abend, den ich dort verbrachte, gegenwärtig.

 

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Die großen Bistro-Klassiker hatten es ihm kulinarisch angetan und mich überkam bei jedem Besuch dort immer wieder die Trauer über den Verlust eines großartigen Botschafters ehrlichen Kochens.

 

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Ein Biftek de Veau – ein dünnes Kalbsschnitzel, nur mit etwas Rosmarin in Butterschmalz in der Pfanne gebraten, dazu weiße Bohnen in einer leichten Tomaten-Knoblauch-Sauce ist solch ein französischer Bistro-Klassiker, der zu Tonys Zeiten auch im Les Halles in New York auf der Karte war. Jeder Bissen ließ mich an ihn denken, versuchen, zu verstehen, was ihn bewegte.

Er war auf der Höhe des Erfolgs, er hatte eine neue Liebe und er hat seinem Leben am   8. Juni 2018 im Alter von 61 Jahren ein Ende gesetzt. Ein Mann, der mit seinen Hüften, seinen Händen und seinem Mund zu denken schien. A really cool dude, einen Drink und eine Marlboro in der Hand, wortgewandt, ein Charakter, mit dem man sich sofort befreundet fühlen konnte. Und doch war da etwas, gar nicht einmal so tief verborgen unter der schillernden Oberfläche, eine unheilvolle Melancholie, die einem nur bei sehr genauem Hinsehen auffiel. So als würde er als Schauspieler die Rolle seines Lebens spielen –  Tag für Tag.

In einem seinem letzten Interview gab er sehr tiefe Einblicke in sein Leben, wie er dachte und fühlte, was ihn antrieb, und was ihm zuwider war. Tony hatte keine Beziehung zu Besitz oder Reichtum. Seine Wohnung war gemietet. Sein perfektes Haus zu besitzen, hätte in traurig gemacht … und verängstigt. Er hätte Sorge gehabt, das Haus in Schuss zu halten, Sorge, es zu schützen, Sorge, wer es bekommen sollte, wenn es ihn einmal nicht mehr gibt. Er bezeichnete sich als “Mieter von Natur aus“.  Keine Verpflichtungen. „Wenn ich in 6 Monaten anderswo wohnen will, dann mache ich genau das“. Er hatte zwei gescheiterte Ehen hinter sich. So sehr er sich wünschte, ein Familienvater zu sein, ein Patriarch mit einem Haus voller Kinder und Freunden, so sehr floh er davor. Er liebte seine kleine Tochter abgöttisch. Und doch verließ er sie. Sein Beruf, ständig auf Achse, niemals wirklich “zu hause” wäre die nahe liegendste Ausrede, doch das ist es nicht. Tony war ein Getriebener, so sehr getrieben von seiner Sehnsucht nach Familie und Zuhause, dass er davor weglief. Jeder kannte seine Kunstfigur „Anthony Bourdain“ – den Autor, den Koch, den Reisenden in die Küchen dieser Erde. Den Menschen Tony, mit all seiner Melancholie, seinen Sehnsüchten und seinen Ängsten kannte niemand.

Wollen wir wirklich wissen, warum Tony seinem Leben ein Ende setzte? Ich denke, es gibt keinen isolierten Grund. Es war sein Leben, seine Entscheidung. Er trug es schon sehr, sehr lange in sich. Wer die Englische Sprache gut genug beherrscht, sollte sein letztes Interview lesen. Es wurde nicht großartig publiziert, aber es ist verfügbar. Wer es liest, wird verstehen. https://popula.com/2018/07/15/bourdain-confidential/

Für mich wird der Mensch Anthony Bourdain immer eine Inspiration bleiben. Oder, um es mit seinen Worten zu sagen: „Dann hau doch ab, Du Feigling!“

 

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Wer weiß schon, wohin die Reise gehen wird?

 

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Ich wünsche euch einen besinnlichen Jahresausklang.

 

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Kategorien:HausMANNSkost, Klassiker, Klinikblog, Nose to Tail Eating, UncategorizedSchlagwörter:, , , , , , , , , , , , , , , , , ,

9 Kommentare

  1. Schön geschrieben… auf mich wirkte er immer ruhelos… wie auf der Suche nach etwas, aber nicht wusste was genau es ist.
    Dennoch, mochte ich seine Art.
    Lass es Dir und Deiner Frau gut gehen und sieh zu, dass Du heim kommst. :0)

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  2. Schöne Worte für einen tollen Koch.

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  3. Wir waren auch Fans von ihm! Er würde sich über Deine Geschichte freuen!

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  4. Sehr schön und sehr liebevoll geschrieben. Ich hasse Knoblauchpressen….

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  5. Vielen Dank. Ich habe erst letzte Woche Anthony Bourdains Kochbuch und Inspiration „So koche ich im Les Halles, New York“ erhalten. Die Muscheln aus der Normandie waren hervorragend. Ich liebe seinen Texte, seine Rezepte und Kommentare. Auch ich werde ihn sehr vemissen – wenngleich ich auch noch keine so enge geistige und fast persönliche Verbindung aufbauen konnte, wie Sie. Aus Ihrem Essay habe ich heute das Bifteak de Veau versucht. Es war sehr schmackhaft – das krieg ich aber bestimmt noch besser hin mit etwas Übung. Ich danke Ihnen auch für Ihre Worte. TheMaskedChef wird mir künftig bestimmt auch zur Inspiration werden. Ihr Reiner Grundmann

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    • Vielen Dank für Ihren Kommentar. Tony war großartig und mich in meiner Art zu kochen stark beeinflusst. Immerhin hatten wir gemeinsame Bekannte, wie eben Fergus Henderson, den Begründer der ‚Nose to Tail‘ Bewegung. Tony hat sogar das Vorwort für das zweite Kochbuch von Fergus geschrieben (in Deutschland sind beide Bücher zusammengefasst in einem Band erschienen, soweit ich weiß – ich habe nur die Originalausgaben aus Großbritannien). Viel Spaß und Erfolg beim Stöbern in meinen Rezepten – und einen guten Rutsch ins Neue Jahr! Ihr Thomas Hartinger

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