Opernball


Fünf Begriffe für „Ghost“: Die Katze, kalte Hände, Opernball, Lärm, Erleuchtung

 

Die Katze überquerte die Fahrbahn. Selbstbewusst und gemächlich. Jahrelange Übung hatten sie gelehrt, dass die Raumverdränger, die vor dem Haus mit dem Teppich vor der Tür hielten, langsam anrollten. Heute waren viele da. Viele, viele. Langsam schritt sie die Reihe der stinkenden großen Tiere ab. Manche hatten offene Wunden, aus denen andere große Tiere quollen. Die großen Tiere, die vor dem Haus standen, öffneten neue Wunden, meist am Ende der Stinker und holten unbelebtes Zeug heraus, das allerdings interessant roch. Leider ergab sich selten die Gelegenheit, den seltsamen und verführerischen Gerüchen nachzugehen. Alles ging durch die Tür.

Die Tür hatte die Katze erst seit kurzem gemeistert. Es war keine gewöhnliche. Sie ging nicht auf und zu, sondern immer rundherum. Es war ein schmerzhafter Lernprozess gewesen. Ihr Schwanz hatte jetzt einen Knick, ganz unten an der Spitze. Ihre Seele etliche mehr von hysterischem Gekreisch, Fußtritten, Zeitungshieben, Flüchen. Scheißkatz! Das war ihr Name im Reich der anderen Tiere. Die Mäuse nannten sie ebenso, allerdings mit einem anderen Unterton. Die Vögel nannten sie ebenso, vor allem die Kleinen. Aber auch die Tauben. Die Ratten auch, ebenso mit einem anderen Unterton. Die Hunde auch, mit einem noch anderen anderen Unterton. Die schwarzen großen Tiere auch, die in den Eingeweiden des Hauses mit dem Teppich vor der Tür lebten und hin und wieder davor standen und Rauch aßen. Oder Säcke mit interessanten Gerüchen abstellten. Sie rochen auch interessant. Aber selten ließ eines die Katze nah genug heran, gefahrlos, dass sie dem gebührend nachgehen konnte. Andere Tiere kannte die Katze nicht.

Die Tür also. Ja, sie entschied, es war ein guter Tag für die Tür. Wenn so viel los war, hatten die großen Tiere zu viel mit sich selbst zu tun. Keiner würde den Geist bemerken, der unter ihren Rocksäumen und neben ihren Schuhsohlen durch die Zentrifuge ins Haus gesogen wurde.

Sie setzte sich hinter die Säule und wartete. Ständig beobachteten ihre jadegrünen Augen die ankommenden Stinker. Es galt, den richtigen Moment abzupassen, wenn eines der Tiere, die an der Tür wohnten, sie in Bewegung setzte, weil Tiere, die aus den stinkenden Raumverschlingern stiegen, in das Haus wollten. Es galt, vor ihnen drin zu sein und in einer der drei Räume auf die andere Seite zu reisen.

Da. Ein Tier mit dornförmigen Fuß stieg aus. Üblicherweise waren diese langsamer als die anderen. Die Katze hatte die Theorie, dass dies die Weibchen waren. Das Tier verlor keine Zeit. Die Tür wurde in Bewegung gesetzt. Langsam, damit die unpraktischen Füße nicht in unwürdige Eile gebracht würden. Und drin war sie. Und drin war das Tier mit den dornförmigen Füßen. Man konnte nie wissen, was von diesen kommt. Meist schrieen sie nur, manchmal fassten sie einen auch an. Ein einziges schreckliches Mal hatte ein solcher Dornenfuß die Katze bei der Taille gepackt und in die Höhe gerissen. Ein schmerzhaftes Erlebnis, das die Katze nicht wiederholt wissen wollte.

Das Komische bei diesen Erlebnis war, dass es gar kein Dornenfuß war. Oder wenigstens nicht dem Fuß nach. Die Stimmhöhe passte, aber es gab keinen Dorn. Die Katze hatte sich dies damit erklärt, dass es entweder ein sehr altes oder ranghohes weibliches Tier gewesen sein muss.

Aber Achtung! Der Raum der Tür öffnete sich nach innen. Zeit loszuspurten, in die Deckung der Pflanzen am andere Ende der glatten Ebene. Zum Missvergnügen der Katze war die glatte Ebene voller Füße. Mit Dornen, ohne Dornen, glatt, matt, staubig. Kein Durchkommen zur Deckung der Hauspflanzen. Die Dornen der Mitreisenden im Raum rauschten vorbei. Die Katze war allein im Raum. Er hielt seine Bewegung an. Vermutlich dank eines der Tiere an der Tür, das auf die ankommenden Tiere wartete.

Plötzlich setzte sich die Tür wieder in Bewegung. Die Katze erwartete das Schlimmste. Neue Füße, mit neuen Augen oben dran, die kreischten und fluchten und traten ob der Katze im Raum der Tür. Das Sonnenlicht fiel in den Raum. Der Raum schnitt das Sonnenlicht. Der Raum schloss es wieder aus. Ein Wunder! Die Katze folgte überwältigt den Bewegungen des Raums. Er öffnete sich wieder. Und vor der Katze standen die Nicht-Dornenfüße.

Die Füße waren nicht allein. Daneben standen links und rechts zwei bleiche Pfähle. Sie schienen für die Bodenverankerung gemacht, ähnlich der Krallen der Katzen. Sie hatten allerdings fünf Ausläufer mit scharfen Krallen. Die Krallen waren andersfarbig als die der Katze.

„Komm. Komm, Süße. Du hast den Absprung verpasst, eh? Kein Gefühl für Timing?“

Die Katze verstand gar nichts, außer dass diese kein Gekreisch oder Gefluche war, schon gar nicht Tritte oder Schläge. Sie fand den Absprung aus der Tür und unter eine Art Kiste mit Füßen. Zu ihrem Entsetzen folgte das Tier ihr. Die Dorn bewehrten Füße hielten vor der Kiste. Die Krallen kamen links und rechts davon zur Stabilisierung dazu.

„Hey, keine Angst. Du musst dich nicht unterm Schrank verstecken. Wenigstens nicht vor mir. Komm. Komm raus da.“

Die Stabilisierungspfähle hoben sich vom Boden ab und kamen erstaunlich geschmeidig unter die Kiste gefahren. Einer schob sich unter den Bauch der Katze, der andere landete auf ihrer Wirbelsäule. Halb gehoben, halb gezogen beförderten sie die Katze unter der Kiste auf Beinen hervor und dann rasant in die Höhe. Ihr entfuhr ein überraschter Laut.

„Na, komm. Keine Angst.“

Die Katze befand sich jetzt etwas unterhalb der Schnauze des Tieres, irgendwie eingeklemmt und noch von der einen Stabilisierung gehalten. So nahe an Maul und Zähnen, das war ihr gar nicht geheuer. Sie fing an zu kämpfen. Das Maul zischte, aber nicht unbedingt furchteinflößend.

„Komm, bleib bei mir. Du bist so schön warm und wollig. Ich habe immer so kalte Hände.“

Die Katze ließ sich gefallen, dass diese kalten bleichen Glieder ihren Kopf kraulten. Es war sehr befremdlich, aber nicht unangenehm. Und die Laute, die das große Tier dabei machte, waren nicht mehr zischend, sondern guttural, leise und schmeichelnd, beinahe wie ein ordentliches Katzenschnurren.

„Küss die Hand, gnä’ Frau. Ah, der Opernball zieht wieder die besten und schönsten Gäste in unsere Stadt. Ich hoffe, Sie hatten eine gute Anreise.“

„Danke. Es ist ja ein Auflauf hier. Alles nur wegen des Opernballs? Verrückt.“

„Dieses Jahr reisen alle erst so spät an. Dadurch gerät hier alles durcheinander. Opernball ist verrückter als Fasching und Theaterfestival zusammen.“

Die Katze belauschte normalerweise nicht die Laute der großen Tiere, aber so eingeklemmt und in der Nähe ihrer Mäuler bliebt kaum etwas anderes Interessantes zu tun und es schien trotz des Quasi-Geschnurres ratsam, Obacht zu haben. „Opernball“ schien ein sehr wichtiger Laut für diese Kreaturen zu sein.

Bis etwas glänzendes Längliches in Reichweite kam und die kalten weißen Glieder es entgegennahmen, hatte die Katze noch ein Dutzend Mal „Opernball“ vernommen. Die Art, wie es ausgestoßen wurde, schien große Hochachtung zu atmen. Opernball musste etwas sehr Erhabenes, Wünschenswertes und Großartiges sein. Die Katze mochte die Art, wie die Mäuler der großen Tiere damit rund wurden. Fasziniert beobachtete sie das Spektakel genau.

Aber damit war jetzt Schluss. Das Tier machte auf seinen Nicht-Dornfortsätzen einen gewagten Dreh um die eigene Achse, was der Katze einigen Schwindel machte, und bugsierte die Katze in Übelkeit verursachender Geschwindigkeit durch den Lärm der anderen Tiere, die in immer größeren Scharen hereinströmten. Sie sträubte sich erneut.

„Na, na, langsam, Kleines. Opernball ist gewiss keine Zeit, zu der ein kleines Wesen wie du zwischen den Füßen der Menschen unterwegs sein sollte. Das wird dir nicht gut bekommen.“

Schon wieder „Opernball“. Es gefiel der Katze, dass das Tier auch ohne die Anwesenheit eines Artgenossen zu ihm von „Opernball“ sprach. Es schien es gut mir der Katze zu meinen. Was wahrhaftig selten war bei diesen Tieren. Vielleicht würde es etwas Essbares mit ihr teilen. Manchmal machten das die dunklen Tiere auf der Rückseite des Hotels, wenn sie Rauch aßen. Die einzigen, die nicht „Scheißkatz“ blökten.

Vor ihnen öffnete sich eine spiegelnde Tür in einen kleinen Raum. Es standen bereits zwei andere Tiere darin und rückten in die Ecken, damit die Katze und das Tier Platz hatten. Das gefiel der Katze ausgesprochen gut.

„Na, darfst du auch mit auf den Opernball, Kleines?“ kam es aus dem Maul des kleineren Tieres mit komisch welligen grauen Haaren und glitzernden Steinen an den Ohren. Es kam mit seinem Kopf ganz nah an den der Katze, was ihr ein Schaudern über den Rücken jagte, aber das Tier, auf dem sie gerade reiste, begann das wohlige Kraulen wieder.

„Ha, das wäre wohl die Sensation. Opernball mit Katze. Na, besser als an die anderen Tierchen, die der Lügner sonst reinschleppt, immerhin!“

Die Türen öffneten sich wieder. Die Reise ging weiter durch tunnelartige Räume, die angenehmerweise sehr leise waren.

Eine weitere Tür öffnete sich, nachdem das glänzende, längliche Dinge in einem Loch verschwunden war. Die Katze fand es bemerkenswert, wie viele Türen es in der Welt der großen Tiere gab. Auch hinter der Tür waren weitere.

Aber durch diese konnte sie auf eigenen vier Füßen gehen, denn sie wurde abgesetzt. Der Boden war sehr weich und es fühlte sich wunderbar an, langsam und genüsslich auf ihm umherzustolzieren und den Raum hinter den Türen zu inspizieren. Ein Fenster in der Wand erleuchtete sich bläulich. Daraus schaute ein anderes der großen Tiere und sonderte eine lange Reihe seiner merkwürdigen Laute ab. Die Katze setzte sich davor, um herauszufinden, was das Tier wohl wollte. Konnte man ihm trauen?

Und dann kam es „Opernball“. Die Katze war so überrascht und entzückt, dass auch dieses Tier ihr Respekt erwies, dass sie miaute.

Und noch einmal „Opernball“. Auch dieser Gunstbeweis wurde von der Katze entsprechend belohnt.

Eine der Türen öffnete sich und das Tier, auf dem die Katze gereist war, steckte den Kopf hindurch. „Was ist denn los, Kleines? Fehlt dir was?“

Das Tier kam auf sie zu, kniete auf seine Hinterläufe nieder und streichelte über ihren Rücken. Die Katze wollte nun die Probe aufs Exempel machen, ob sie richtig lag, mit ihrer Einschätzung von „Opernball“. Sie schnurrte und leckte die kalten weißen Glieder des Tieres.

„Ach du, du bist wohl das einzig Schöne, was ich mit dem ollen Opernball in Verbindung bringen werde, glaube ich.“

Heureka! Sie lag also richtig. Die Erleuchtung war aber nicht das Einzige, was sie begeisterte. Rasch hatte das Tier sich wieder aufgestellt und war hinter einem großen Quader verschwunden. „Vielleicht hast du ja Hunger?!“

Ein köstlich duftendes weiches Fleischstück baumelte der Katze vor der Nase. „Na, magst du Schinken?“

Die Katze hatte das Stück kaum vertilgt, da kam es aus dem Fenster wieder „Opernball“. Sie würdigte die Höflichkeit mit einem selbstbewussten Miau.

Das Tier machte ein merkwürdiges Geräusch. Es legte den Kopf weit zurück und schien an irgendetwas zu Ersticken. Es klang wie Husten, nur viel heller und es hielt auch länger an.

„Du bist wirklich ein nettes Kerlchen. Und wie alle kleinen Mädchen ganz erpicht auf den Opernball, was?“

Die Katze schnurrte und schlich dem Tier um die Beine. Ganz offensichtlich war es vertrauenswürdig. Und vielleicht war da noch mehr von dem eigenartigen, aber schmackhaften Fleisch.

Das Tier ließ sich wieder auf Augenhöhe der Katze hinab. „Mehr Schinken? Oder magst du auch Käse?“

Es war leider nicht mehr von dem Fleisch da, aber dafür kam etwas weißes ebenso appetitlich Duftendes vor die Nase der Katze gesegelt. Sogar ein größeres Stück.

„Hier, machen wir es dem geilen alten Baulöwen nach: Sei du mein Gast auf dem Opernball!“

Die Katze wusste, was sich gehörte. Bevor sie das Stück entgegennahm, antwortete sie huldvoll. Wieder machte das Tier das komische Geräusch auf ihr Miauen hin.

„Ich glaube, ich könnte dich auch genauso nennen: Opernball. Komm, Opernball. Gehen wir auspacken.“

Zwei Mädchen schritten vergnügt über den weichen Teppich ins Schlafzimmer, eines auf zwei, eines auf vier Beinen.

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