I’ll see you


 

Er: „Wohin willst du?“

Das Mädchen gab ihr Lehnen an der hölzernen Ruine, vor der heute sicher kein Bus mehr halten würde, oder sowieso nie mehr einer hielt, auf und beugte sich zum halb geöffneten Fenster. „Zum Bahnhof in W.“

Er. „Hier kommt sicher heute kein Bus mehr.“

Sie: „Nee. Hab eh kein Geld dafür.“

Er: „Ich nehm dich mit, wenn du willst. Bis W.“

Sie: „Cool. Danke.“

Jacke und Tasche wanderten schwungvoll auf den Rücksitz, seine, sie hatte weder das eine noch das andere. Das Mädchen brachte es hin, sich trotz der individuell einstellbarer Rückenstützsegmente, die sonst die operativ versteiften Lendenwirbel seiner Frau hielten, die Beifahrerposition in einer Art zu besetzen, die eher an Hängematte erinnerte.

Er: „Schnallst du dich auch an?“

Sie: „Ich zerknautsche noch mein Kleid.“

Die über-albern verstellte Stimme war treffend, allerdings überraschend für ein Exemplar dieser Generation. Seine Kinder hatten die blecherne Retro-Box mit dem ersten Film, den er im Kino hatten sehen dürfen, zu einer Weihnacht ausgepackt und niemals wieder angefasst. Was vermutlich auch daran lag, dass kurz darauf das Abspielen des Datenträgers durch das Hinwegsterben des dazu vorgesehenen Geräts unmöglich wurde. Ersatz war nicht zu beschaffen. Es wurde fürderhin gestreamt, sehr zur Zufriedenheit beider Kinder. Aber nichts von Disney.

Er: „Zitiersicherheit in uralten Ami-Animés ist wirklich das Letzte, was ich heutzutage auf einer gottverlassenen preußischen Landstraße erwarte. Respekt!“

Er fuhr an, vollkommen albatrosunähnlich. Die Hängemattenposition wurde kurzzeitig aufgegeben.

Es gehörte zu den unnachgefragten Annehmlichkeiten des Wagens, die Lautstärke des Entertainmentsystems der Fahrgeschwindigkeit anzupassen. Die folgende Feststellung hielt er daher nicht für Interesse, sondern schlicht der normativen Kraft des Faktischen geschuldet.

Sie: „Starke Musik. Is’n das?“

Er: „Van Morrison.“

Sie: „Abgefahren. This is the end …“

Er: „Jim.“

Sie: „Was?“

Er: „Jim Morrison. Das war Jim Morrison, nicht Van Morrison.“

Sie: „Oh. Klingt auch gar nicht so, ich meine, nach Weltenende.“

Er regelte die Lautstärke herunter.

Sie: „Nee, lass ruhig. Was singt der da? I’ll see you when my love grows?! Krass. Kann man aber auch falsch verstehen.“

Er: „Wie denn?“

Sie: „Na ja, sexuell halt.“

„?!“

Es fiel ihm ein, dass Gespräche dieser Art mit einer jugendlichen Anhalterin, die ihn streng genommen nicht einmal angehalten hatte, vermintes Gelände waren und umgehend zu verlassen waren.

Er: „Kann man aber auch anders falsch verstehen.“

Sie: „Wie denn?!“

Er: „Van Morrison ist ein ziemlich spiritueller Typ.“

Sie: „War, meinst du!“

Er: „Nein. Ist.“

Sie: „Ist der nicht tot? Ach so, das war ja der Andere.“

Er: „Jim.“

Sie: „Genau. Jim. Du meinst, er redet von Gott oder so was?!“

Er: „Wer jetzt? Van oder Jim?“

Sie: „Van, Mann!“

Er: „Van ,the man. So nennt man ihn auch. Nein, ich meine nicht, dass er von Gott spricht.“

Seine Mitfahrerin drehte wieder auf.

What’s my line? I’m happy cleaning windows

Take my time I’ll see you when my love grows

Baby don’t let it slide

I’m a working man in my prime

Cleaning windows…

Sie: „Cleaning windows?! Wow, wie spirituell ist das denn?!“

Er: „Na, eben. Eigentlich gar nicht, aber in den einfachen Dingen kann das wahre Glück liegen. Ist übrigens keine steile Behauptung von Morrison. Er hat, bevor er Musiker wurde, eben davon gelebt: vom schnöden Fensterputzen. Und er hat es scheinbar nicht weniger gern gemacht als Musik. Auch das war erfüllend für ihn. Auch darauf war er stolz.“

Sie: „Fensterputzen? Oh Gott!“

Er: „Ja, warum nicht? Was machst du denn gern?“

Sie: „Abtanzen.“

Er: „Abtanzen? Was unterscheidet das vom Tanzen?“

Sie: „?! Verarschen oder was?“

Er: „Nein. Aber was genau tanzt man da ab, beim Abtanzen?“

Sie: „Du spinnst jetzt, oder? Mann, zu wem bin ich da ins Auto gestiegen?!“

Die Frage bekam Aufschub, ebenso wie seine, weit interessantere; plötzlich erloschen die Lichter der Tankstelle, die sich am rechten Straßenrand aufgebaut hatte. Die Station war von tiefster Dunkelheit hinweggerissen wie von einem schwarzen Loch.

Sie: „Was war’n das jetzt? Krass!“

Er: ‚Keine Ahnung. Etwas zu früh, um zu schließen, eigentlich, aber andererseits: in dieser gottverlassenen Gegend.“

Sie: „Schon wieder Gott. Und verlassen. Was findest du hier eigentlich so schlimm, dass du ewig von Gott reden musst?!“

Die Frage, das musste er insgeheim zugeben, überraschte ihn. Noch mehr allerdings das: „Halt an. Ich will zurück. Vielleicht brauchen die Hilfe.“

Er: „Was? Wart’ mal!“

Sie: „Halt an!“

Er: „Das ist doch Unsinn…“

Sie „Halt endlich an!“

Die einströmende Luft sog die Beifahrertür wieder zu, dennoch verhalf ihm der Schock über das mangelhafte Gespür seiner Passagierin für die Folgen ihrer Handlungen zum unvergnüglichen Erlebnis einer Vollbremsung, seiner ersten zudem. Das Klopfen im Bremspedal wurde innerhalb von Millisekunden vom Klopfen seines Herzens übertroffen, eine Beobachtung, die Van the man sicher nicht für bemerkenswert gehalten hätte.

Die Tür sprang auf. Verblüfft starrte er auf den leeren Sitz mit den Rücken schonenden Einstellungen für seine Frau. Hinter dem Wagen entfernten sich schnelle, aber schlappende Schritte. Das Mädchen, das so gern abtanzte, war offenbar keine Läuferin.

Mitgefühl mit diesem Makel war es nicht, das ihn zum Wenden veranlasste. Es waren die Rufe von der Tankstelle.

Auf halber Strecke überholte er die lausige Läuferin. Er bremste, aber sie lief weiter. Die heruntergelassene Scheibe war das Ziel eines ausgespuckten „Hau doch ab, wenn du hier alles so scheiße findest. Los fahr schon.“

Was er tat. Das Geschrei auf der Tankstelle war das des Angestellten des Nachtschalters, der drei schnell davon fahrenden Fahrzeugen wenig Schmeichelhaftes hinterherschickte, für die Fahrer, nicht die Fahrzeuge.

Er: „Was ist passiert? Kann ich helfen?“

Der von der Tankstelle: „Ach, Scheiße. Dieser Scheißblackout.“

Er fluchte erneut herzzerreißend und blickte auf die Zapfsäulenarmaturen.

Der von der Tankstelle: „Wenigstens kommen die nicht weit. Der Strom war schon nach wenigen Sekunden weg. Die haben alle nur etwa fünf Liter erwischt. Scheiße. Natürlich ging auch die automatische Schiebetür am Haupteingang ohne Strom nicht. Hab ich aber erst vergessen. Bin voll dagegen. Mordsbeule. Notausgang war sinnigerweise auch verschlossen. Hatte keine Chance, die rechtzeitig noch zu erwischen. Verdammte Scheiße, verdammte.“

Sie: „Können Sie mir trotzdem ein paar Kippen verkaufen?“

Die schlechte Läuferin war trotz ihrer motorischen Schwäche inzwischen auch eingetroffen.

Der von der Tankstelle: „Wenn Du es passend hast. Ich krieg die Kasse ohne Strom natürlich auch nicht auf.“

Sie: „Mal sehen.“

Er: „Im Auto wird nicht geraucht.“

Sie: „In das Auto steig ich eh nicht mehr.“

Der von der Tankstelle: „Hat er dir was getan? Ey Alter, ich …“

Sie: „Nee, nee, is schon gut. Was kostet bei euch die Schachtel…“

Sie wurde von einem flackernden Licht unterbrochen. Die Leuchtreklame der Tankstelle flammte auf.

Der von der Tankstelle: „Aha. Da ist der Saft ja wieder … “

Die Leuchte erlosch wieder.

Der von der Tankstelle: „War wohl nix.“

Sie: „Scheiße.“

Der von der Tankstelle: „Ja, Scheiße. Hast du’s nun passend?“

Sie: „Glaub schon.“

Die beiden Handelseinigen zogen Richtung Notausgang ab. Der einsame Nichtflucher setzte sich in sein Auto und ließ den Motor an. Es klingelte.

Er: „Hallo? Ja, bei euch etwa auch?! Krass. Ich meine, das ist ja unglaublich. Wie lange schon? Eine halbe Stunde? Hier ist auch alles weg. Aber erst seit ein paar Minuten. Ich bin gerade an einer Tankstelle. Da haben sich ein paar einfach aus dem Staub gemacht, allerdings nur mit ein paar Litern. Unglaublich, was manche Leute für ein Gesicht zeigen, wenn…“

Die Tür ging auf und wieder zu.

Sie: „Fahren wir?“

Er: „Nein, Schatz, das … das ist Evelyn.“

Sie: „Evelyn?!“

Er: „Schschsch… ich telefoniere mit M… Ja, Schatz, Evelyns Auto hatte eine Panne. Ich fahre sie zum nächsten Bahnhof, damit sie mit dem Zug nach Hause kann. Ja, nachdem der Strom wieder da ist. Mach ich. Bis später. Grüß die …“

Sie: „Evelyn?!“

Er: „Ja, Evelyn.“

Sie: „Ich würde dann doch Eve bevorzugen, falls mich einer fragt.“

Er: „Evelyn ist eine Geschäftspartnerin von mir. Wir waren zu einem Projektmeeting hier oben. Bevor ich meiner Frau erkläre, wer in meinem Auto sitzt und warum…“

Sie: „Ganz schön dünnes Eis, eventuell. Kennt deine Frau Evelyn gut?“

Er: „Ja. Nein. Ich weiß nicht. Wieso?“

Sie: „Könnte nach hinten losgehen. Was ist, wenn sie Evelyn nach ihrem Auto fragt? Schläfst du mit ihr?“

Er: „Meiner Frau?“

Sie: „Evelyn. Oder beide?“

Er: „Nein!“

Sie: „Nein? Was heißt das? Weder noch?“

Er: „Hör mal…, wie heißt du eigentlich?“

Sie:„Na, weißt du doch, Eve.“

Er: „Komm schon!“

Sie: „Eve. Nur für dich.“

Er: „Du brauchst gar nicht so kokett zu tun.“

Sie: „Kokett?! Huch!“

Er: „Ja, kennste das Wort überhaupt?“

Sie: „Arsch.“

Es herrschte eine lange dürre Stille.

Er: „Entschuldigung.“

Sie: „Dito.“

Er: „Weißt du, was das heißt?!“

Sie: „Nochmal Arsch.“

Er: „Soll ich also fahren?“

Sie: „Mir doch egal. Scheißegal.“

Die Tankstelle lag noch immer in tiefem Dunkel. Er fuhr. Wieder lange dürre Stille.

Sie: „Wieso lügst du eigentlich, was mich betrifft?“

Er: „Na ja, ich denke, meine Frau fände es so gar nicht meine Art, Mädchen an verwaisten Bushaltestellen aufzunehmen.“

Sie: „Wieso? Und gerade jetzt bei dem Stromausfall. Du könntest mein Ritter in der schillernden Rüstung gewesen sein.“

Er: „Tja, ich schätze, so sieht sie mich nicht. Oder nicht mehr.“

Sie: „Und schon ist die kleine Lüge in der Welt und verursacht großes Unbehagen.“

Er: „Lass das mal meine Sorge sein.“

Sie: „Mann, hier ist auch alles dunkel. Wie viel Kilometer sind wir gefahren seit der Tanke?“

Er: „Fast dreißig. Wir sind auch gleich in W. Willst du wirklich noch zum Bahnhof?“

Sie: „Weiß nich. Wie lange kann denn wohl so ein Stromausfall dauern?“

Er: „Meine Frau sagte, zu Hause war er schon eine halbe Stunde weg, als ich mit ihr telefonierte.“

Sie: „Echt jetz? Krass.“

Er: „Ja, unglaublich, oder?“

Sie: „Wo ist denn zuhause?“

Er: „Nähe Berlin.“

Sie: „Berlin? Echt jetz?! Da wollte ich eh hin.“

Er: „Tatsache? Wohin?“

Sie: „Berghain. Kennste wahrscheinlich nich. Ne Disse.“

Er: „Kenn ich.“

Sie: „Echt?! Woher? Warste drin?! Wie wars?“

Er: „Na ja, drin nicht, zumindest nicht in echt. Aber meine Agentur hat ein Buch vermarktet, das damit zu tun hat.“

Sie: „Nee, das Axolotl-Dings?! Krass. Nicht, dass ich es gelesen hätte. Das echte aber, aus dem sie abgeschrieben hatte.“

Er: „Die Welt ist ein Dorf.“

Sie: „So sagt man.“

Eine nicht allzu dürre Stille.

Er: „Da ist der Bahnhof. Was nun?“

Sie: „Weiß nich. Ich check mal mein Mobile, ob was über den Stromausfall im Netz ist.“

Sie fummelte an ihrer Jeans rum. Es klingelte.

Er: „Hallo Schatz. Nein, wir sind gerade am Bahnhof in W. Es ist alles dunkel. Keine Ahnung. Und bei euch? Krass. Tschüss. Bis später.“

Sie: „Hast du gerade „krass“ gesagt?!“

Er: „Ja.“

Sie: „Krass. Echt krass.“

Er: „Was also jetzt?!“

Sie: „Mann, jetzt stress nich, ich weiß doch auch nich.“

Er: „Darf ich einen Vorschlag machen?“

„?!“

Er: „Darf ich?!“

Sie: „Klar. Mann. Bin. Ganz. Ohr. Oh-ne. Ko-kett-er-ie.“

Er: „Da mein Weg eh gen Berlin geht, bleib doch einfach im Beifahrersitz hängen.“

Sie: „Kay.“

Eine lange dürre Stille.

Sie: „Gen?!“

„?!“

Sie: „Gen Berlin?“

Er: „Ja, hat nichts mit Genen zu tun, falls du das meintest. Heißt so viel wie „in Richtung“.“

Sie: „500 Euro für den Kandidaten!“

Er: „Haha.“

Sie: „Nichts für ungut, aber ich fand den Ausdruck „gen“, den ich selbstverständlich kannte, unpassend für jemanden, der diese plagiierende Bildungsbürgertussi promotet hat.“

Er: „Kommt vor.“

Sie: „Der Schuster hat nicht immer die schlechtesten Schuh, schätz ich.“

Van Morrison machte gerade Pause als ein Warnsignal erklang.

Sie: „Was ist los?“

Er: „Houston, wir haben ein Problem. Der Tank ist ab soeben auf Reserve und bisher ist und bleibt alles in unserem Orbit dunkel, sprich ohne Energie.“

Sie: „Upps. Major Tom to ground control.“

Er: „Nee.“

Sie: „Was, nee?!

Er: „Keine Antwort für Major Tom.“

Sie: „Stimmt. Also, there is something wrong. I am free floating in my tin can. Far across the sky. Planet earth is blue and there’s nothing I can do.“

Ihre Stimme war nicht von dieser Welt.

Sie: „Womit wir irgendwie wieder bei Van wären.“

Er: „Ja. Und beim Abtanzen. Oder?“

Sie: „Ja.“

Er: „Jetzt verstehe ich die Regisseurentochter besser.“

Sie: „Wenn die so abtanzt wie sie abschreibt, na gute Nacht.“

Er: „Und wieso Morrison?“

Sie: „Van oder Jim? Haha, just kiddin’!“

Er: „No kiddin’. Also, wieso Van?“

Sie: „Naja, wegen spirituell.“

Er: „Also ist „Abtanzen“ wie „free-floating in a tin can“ und „planet earth is blue, there is nothing I can do“.“

Sie: „Yupp.“

Er: „Das war Tanzen für mich auch immer.“

Sie: „Arsch.“

Er: „Dito. Mochtest Du das Buch eigentlich, also das Original?“

Sie: „Hab’s in einem Rutsch gelesen. Aber in der Essenz: nee. Ich steh nich so auf Drogen.“

Die Autobahnschilder kündigten eine Tankstelle an.

Sie: „Wieso fährst du raus?“

Er: „Wir müssen tanken.“

Sie: „Aber da ist alles dunkel!“

Er: „Große Tankstellen wie diese haben in der Regel Notstromaggregate. Die Säulen und die notwendigen Versorgungsleistungen werden funktionieren.“

Dem war nicht so. Es war nicht mal mehr das Personal da.

Sie: „Gottverlassene Gegend, wa?“

Er: „Du sagst es.“

Sie: „Und jetzt? Tanken und wegfahren? Wie die anderen?“

Er: „Ich denke, die Säulen werden abgesperrt sein. Ich schau mal.“

Sie waren abgesperrt.

Sie: „Also runter vom Gasfuß?“

Er: „Wenigstens. Hast du was gefunden im Netz?“

Sie: „Nee. Mach mal Radio.“

Eine Weile schaltete er von Sender zu Sender. Es klingelte.

Er: „Ja? Echt?! Na super. Hier noch nicht wieder, aber dann ist das wohl nur noch eine Frage der Zeit. Nein, ich warte mit Evelyn am Bahnhof. Ja, mach ich. Ciao.“

Sie: „Huch. Die kleine Lüge wird immer größer, hat jetzt schon ‚nen richtigen Bauch. Immer noch kein Unbehagen?“

Er: „Hör mal, Eve. Quatsch, das nervt. Wie heißt du nun wirklich? Und apropos Unbehagen: Wie alt bist du eigentlich? Wissen deine Eltern, wo du bist? Musst du nicht vielleicht mal irgendjemand anrufen?“

Sie: „Oho. Lässt du jetzt den Papa raushängen?“

Er: „Der hängt nicht raus. Ich bin einer. Also?“

Sie: „Mein Name ist doof, den sag ich nicht. Eve ist dreimal cooler. Pa gibt’s nicht, wenigstens kenn ich ihn nicht, Ma wohl schon. Hat ein altes Bild, wo er mit mir spielt, als ich zwei war, aber man sieht ihn nur so komisch von hinten.“

Er: „Und deine Mutter?“

Sie: „Ist selbst auf Achse. Geburtstagsparty.“

Er: „Meinst du nicht, dass du sie mal anrufen solltest?“

Sie: „Und erzählen, dass ich bei irgendeinem Typen im Auto sitze, an einer verlassenen Tankstelle und so weiter?!“

Er: „Okay. Was also dann? Wohnst du da, wo ich dich aufgegabelt habe? In der Nähe?“

Sie: „Yupp.“

Er: „Dann fahr ich dich zurück. Soweit reicht der Tank alle mal.“

Sie: „Auf keinen Fall.“

Er: „Wieso nicht?“

Sie: „Auf keinen Fall. Ich hab ne bessere Idee. Wie weit reicht der Tank?“

Er: „Circa 50 Kilometer.“

Sie: „Fahr weiter.“

Er: „Nicht bevor du mir sagst, wohin.“

Sie: „Zu meiner Tante.“

Er ließ den Motor an. Sie rutschte noch tiefer in die Hängematte.

Sie: „Hättest du’s gemacht?“

Er: „Was?“

Sie: „Tanken und einfach wegfahren.“

Er: „Weiß nicht. Wahrscheinlich hätte ich etwas Geld dagelassen. Irgendwo, wo es nicht jeder gleich findet, aber der Pächter.“

Sie: „Hoffentlich war Evelyns Tank voll.“

Daran hatte er noch gar nicht gedacht.

Sie: „Wie viele Kinder hast du?“

Er: „Zwei. Zwillinge tatsächlich.“

Sie: „Wow.“

Er: „Woher kennst du eigentlich Bernhard und Bianca? Meine beiden wären lieber tot umgefallen als das zu schauen, selbst als sie noch im richtigen Alter dazu waren.“

Sie: „Von meiner Oma. Sie hatte zwar nur das Buch, aber den Film hatte sie viele Male gesehen und konnte die Dialoge fast alle auswendig. Und das Lied hat sie mir immer vorgesungen. Der Titelsong, glaube ich. Von so einer norwegischen Sängerin …“

Er: „Wencke Myhre“.

Sie: „Ja. Oma konnte sehr gut singen.“

Er: „Du aber auch.“

Sie: „Danke. Aber was soll’s. Kann ich mir auch nix für kaufen. Heute singt ja jeder Esel.“

Er: „Schon wieder ein Zitat.“

Sie: „Ja, Karneval der Tiere. Hatte Oma als Kassette.“

Er: „Alle Achtung. Ich glaube, du bist der einzige Teenager im ganzen Land, der noch Kassetten kennt. Übrigens ist Van the man da mit dir einer Meinung. Er sagt: „Music is spiritual. The music business is not.“

Sie: „Cool.“

Er: „Mal was anderes: Werden wir deine Tante denn antreffen? Der Ritter in schillernder Rüstung sollte seinen Schützling wohl kaum auf der Türschwelle zurücklassen, um nicht an Glanz und Glorie einzubüßen.“

Sie: „Ich weiß, wo der Schlüssel hängt. Du musst gleich abfahren. Und dann links.“

Er: „Willst du deine Tante nicht vielleicht anrufen? Ich meine, es ist schon ziemlich spät.“

Sie: „Genau genommen ist es das Haus meiner Tante, wohin wir fahren.“

Er: „Aha. Und da darfst du einfach so kommen und gehen?“

Sie: „Ist ja ein Notfall. Außerdem hab ich es geerbt. Es war mal Omas.“

Er: „Und deine Tante wohnt da jetzt?“

Sie: „Erzähl du doch mal was von deiner Frau.“

Er: „Wieso?“

Sie: „Arbeitet sie auch in der Agentur?“

Er: „Jetzt ja. Nachdem die Kinder größer sind. Eigentlich ist sie Biologin, aber irgendwie ist sie bei mir hängen geblieben, also in der Firma.“

Sie: „Biologin. Nicht schlecht. Ich liebe alles, was mit Pflanzen zu tun hat. In der Zukunft wird man den Sprit, den wir gerade nicht mehr im Tank haben, vielleicht aus Algen gewinnen. Das finde ich faszinierend. Wenn wir ans Haus kommen, wirst du sehen, warum. Die Nachbarn sagen, der Garten sei eine Zumutung, weil er so wild ist. Aber tatsächlich steckt ein umfassendes Konzept dahinter. Er ist wie ein Dschungel, der über eine Tempelanlage gewuchert ist. Das war das Kind meiner Tante. War wahrscheinlich um Längen besser als das was ihre Schwester in Sachen Babyproduktion unternommen hat.“

Er: „Hoppla, so bitter plötzlich.“

Sie: „Nee, aber die beiden verstanden sich nicht gut. Ich mich dafür umso besser mit meiner Tante. Sie hat mich auch mit ihrer Manie für alles Grüne infiziert. Meine Mutter hingegen findet alles Natürliche Ekel erregend, meine Geburt eingeschlossen, glaube ich. Das war auf die Dauer nicht besonders für die Mutter-Tochter-Beziehung.“

Er: „Und deine Tante ist auch Biologin?“

Sie: „Nein.“

Er: „Aber irgendwie Wissenschaftlerin? Ich meine, wegen der Algen-Geschichte.“

Sie: „Ich kann selbst auch lesen! Nein. Sie hat in der Apotheke hier gearbeitet. Und so ein bisschen was in Sachen natürliche Medizin und so gemacht.“

Er: „Aha, Poison Ivy!“

Sie: „Das hätte von meiner Mutter kommen können! Poison Ivy und Liana.“

Er: „Liana?!“

Sie: „Das war mein Spitzname, mit dem sie mich immer aufzog. Weil ich noch eines Tages im Garten verschwinden würde. Schön wär’s.“

Er: „Schön wär’s? Warum machst du dann nicht was in der Richtung? Umwelttechnologien, Arzneimittel-Forschung, oder so? Nachdem heute ja schon jeder Esel singt und du kein Vertrauen in diese Karrierechance hast.“

Sie: „Kein Schulabschluss. Da hinten ist es.“

Der Wagen hielt.

Sie: „Willst du den Garten sehen?“

Er: „Es ist stockdunkel, Eve!“

Sie: „Mmh. Stimmt. Im Haus gibt’s Kerzen. Na ja, das hilft vermutlich nicht wirklich.“

Er: „Eve? Deine Tante …“

Sie: „Ist tot.“

Er: „Und das Haus …?“

Sie: „Ist wirklich meins. Geerbt zusammen mit meiner Tante, meine Mutter war bereits seit meiner Geburt ausbezahlt. Nachdem meine Tante gestorben war, meinte meine Mutter, ich sollte es verkaufen und mit dem Geld was Vernünftiges machen, aber ich will nicht. Ich will hier bleiben und wohnen und …“

Er: „Was machen?!“

Sie: „Keine Ahnung. Aber mir fällt schon was ein. Vielleicht einen Irrgarten mit Schatzsuche für Kinder. Oder ne Wellness-Oase. Oder ein Lese-Hotel. Oder ne Tierpension. Tiere mag ich auch sehr.“

Er: „Eve?“

Sie: „Luana.“

Er: „Wie bitte?“

Sie: „Der doofe Name.“

Er: „Mmh. Gar nicht so doof. Aber ich bleibe doch lieber bei Eve.“

Sie: „Danke.“

Er: „Bitte.“

Sie: „Weißt du was?“

Er: „Was?“

Sie: „Ich stelle mir gerade vor, wie sie wohl ist, deine Frau?“

Er: „Du sitzt gerade auf ihr.“

Sie: „Was?!“

Er: „Oder versuchst, es zu vermeiden.“

Sie: „Muss ich das jetzt verstehen?!“

Er: „Diese Sitze haben eine Vorrichtung, mit der man das Lehnenprofil genau auf den Rücken des Passagiers einstellen kann. Meine Frau hat eine kaputte Wirbelsäule. Deshalb ist der Lendenwirbelbereich so stark vorgeschoben. Für dich offenbar unerträglich, wenn man sieht, wie du da drinhängst.“

Sie setzte sich auf.

Sie: „Das muss ganz schön weh tun.“

Er:. „Tut es.“

Sie rutschte wieder in die Ausgangsposition zurück.

Sie: „Darf ich dich um etwas bitten?“

Er: „Was denn?“

Sie: „Sag deiner Frau die Wahrheit über heute Nacht.“

Er: „Ja.“

Sie: „Und Evelyn auch.“

Er; „Evelyn auch?!“

Sie: „Ja, jetzt wo wir Namensvetterinnen sind. Beinahe.“

Er: „Ja.“

Sie: „Namensvetterinnen. Gibt es Vetterinnen? Müsste es nicht Namenscousinen heißen?“

Er: „Gibt es. Wenn auch veraltet.“

Sie: „Mmh. Veraltete Vetterin.“

Er: „Krass, was?“

Sie: „Werd mal nur nicht frech, Alter.“

Er: „Oho.“

Sie: „Sagen deine Kinder so zu dir?“

Er: „Nein. Niemals.“

Sie: „Krass.“

Er: „Ja, krass.“

Sie: „Ich geh dann mal.“

Er: „Es ist immer noch kein Strom da. Und du musst doch auch etwas essen.“

Sie: „I’ll live. Wenn in Berlin schon wieder die Zivilisation herrscht, wird auch hier bald wieder alles sein wie es sich gehört, in dieser gottverlassenen Gegend.“

Er: „Entschuldige.“

Sie: „Schon gut. Komm mal wieder vorbei, bei Gelegenheit, vielleicht nach so ’nem Projektmeeting. Ich zeig dir den Garten.“

Er: „Ja. Mal sehen.“

Sie: „Kannst auch Evelyn mitbringen. Oder deine Frau. Und deine Kinder.“

Er: „Hier. Es sind nicht alle Lieder, die wir heute gehört haben, drauf, leider.“

Sie: „Danke. Ich habe zwar keinen CD-Spieler. Aber sie wird mich an dich erinnern.“

Es blitzte. Ein Stück die Straße hinauf erwachte eine Straßenlaterne zu neuem Leben.

Sie: „Die Tanke ist am Ende der Allee rechts und nach zwei Kilometern wieder rechts.“

Sie schwang sich aus der Hängematte zur Tür hinaus. Nach zwei Schritten drehte sie sich um und zeigte ihm das erste Lächeln.

Sie: „I’ll see you … when my love grows.“

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